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Weck, Worschd, Woi – WUMA

Zögernd tritt er näher, aus dem neonbunten Lichtermeer des Riesenrads schiebt er sich leicht wankend durch wabbernde Menschenmassen. Umfallen kann er nicht, dazu drängen sich zu viele Leiber um ihn herum. Für schamlose Lüsternheit angesichts dieser unendlichen Kontaktfreuden ist es allerdings schon einige Dubbegläser zu spät. Nur schemenhaft nimmt er das läufige Wild aufs Korn. Die periodische Massenbrunftzeit in Bad Dürkheim ist in vollem Gange und im Schatten der Saline schlagen junge Türken als Ausdrucksform Ihres Balzgehabes aufeinander ein. In den Büschen stinkt es penetrant nach Ammoniak und Faulgasen, die sich als Endprodukt Hektoliterweise verteilter Urinalfüllungen in Sturzbächen ergießen, da der Erdboden keine Flüssigkeit mehr aufzunehmen vermag.

In seinen Ohren blubbern die Bässe neuzeitlicher Popmusik, kreischbunte Töne pochen schmerzhaft in den Amalgamfüllungen seiner fauligen Zähne. Aber da klingelt noch etwas anderes im Herz seines Mittelohres und er beginnt die spektrale Veränderung der Frequenzgänge wahrzunehmen. Was kann das sein, ein Tinitus? Akustische Halluzinationen? Nein, er ist sicher, dass ihm sein mit trockenem Riesling geschwängertes Hirn keinen Streich spielt: Da sitzen komische Menschen im Schubkärchler Nummer 30 und singen zur Gitarrenbegleitung tapfer gegen die Dauerbeschallung an. Seine blutunterlaufenen Augen bestätigen mit einigen Sekunden Verspätung das surreale Bild.

Er löst sich vom Hinterteil einer vollbrüstigen Blondine, deren Absätze ihrer schwarzen Knobelbecher sich bedingungslos in den Asphalt bohren und begibt sich in die Krippe jener Sangesfreuden, um dem launigen Spiel wirrer Lieder teilhaftig zu werden. Was sind das für Patienten, die sich mit bunten Tüchern und Hemden, kauzigen mehreckigen Mützen und ungebrochener Lust am Singen, standhaft gegen die im Hintergrund tobende Beschallung wehren? Er nimmt kaum wahr, dass er sich das Knie an einer der fest montierten Bänke stößt und wird sich nur am nächsten Tage wundern, woher er das Hämatom unterhalb der Kniescheibe hat.

Die Sänger, die sich lautstark in ein Crescendo gebrüllter Töne steigern, sehen irgendwie aus wie Pfadfinder oder so was ähnlich Ausgestorbenem. Das was die da singen, klingt irgendwie russisch, oder nicht?

>Wassssseidddnihrdennfürnhaufen?< 
widerfährt es Speichelaerosole bildend aus seinen Blutleeren Lippen,
an denen noch der ranzige Fettgeschmack öliger Kartoffelstäbchen klebt,
nicht ohne im Nachsatz ein sattes >Rullllps< nachzuschieben.
Dessen Herkunft wird aus den Tiefen seines Verdauungstraktes mit dem
charakteristischem Geruchsbild jener zersetzenden Friteusenspeise
und zuvor vertilgter Zuckerwatte begleitet.

Doch statt einer Antwort, brüllt ein kleiner bebrillter Anführer im Winzerkittel: WECK, WORSCHT, WOI! Worauf die tobende Masse ihm ein donnerndes WUMA entgegenschmettert. Dann singen sie wieder ihre komischen Weisen, auch bekanntere Lieder, deren englischsprachige Texte er zwar nicht mitlallen kann, er aber immerhin vergeblich versucht, rhythmisch mitzuklatschen. Es gelingt ihm, die Bestellung eines weiteren Trollschoppens abzusetzen und nachdem er die köstliche Ballerbrühe in den nikotingelben Fingern hält, denkt er sich wenn mir schon schlecht wird, dann weiß ich wenigstens wovon. Er lacht lauthals, als ob er sich einen guten Witz erzählt hat und ascht seine Zigarette in das vor ihm stehende Glas ab, ohne es zu bemerken. Neben ihm singen sie >Riesling, manchmal sauer niemals süß<. Wie meine Alte, denkt er sich und lacht wieder einsam in die lautstarke Runde.

Die Gitarrenspieler stehen mittlerweile auf den Tischen und zertrampeln die kostbare Tischdekoration. Das nimmersatte Publikum heizt ihnen ordentlich ein und das eine oder andere Lied wird mittlerweile zum dritten oder vierten Mal dargebracht. Nach dem siehmde Trollschoppe hat er Lust zu diskutieren und zu streiten und macht sich auf, willige Opfer in der großen Runde junger Menschen ausfindig zu machen. Und so fängt er an, wahllos hilflose Pfadfinderinnen und Pfadfinder voll zuquatschen und Sie als Ausdruck seiner Überzeugung immer wieder auf mit ausgestrecktem Zeigefinger zu penetrieren.

Angewidert wenden sich die pikierten Gäste von ihm ab. Ihm wird schwindelig und er schläft vorübergehend am Tisch sitzend ein. Als er erwacht, es müssen zwei Stunden in traumlosem Schlaf vergangen sein, stehen die komischen Menschen noch immer tanzend und musizierend auf den Tischen und singen unablässig ihre Lieder von Pferdchen und Pistolen, von Walzen und rotem Wein im Becher sowie vom Dschettpleen, was immer das auch sein mag. Völlig benebelt fällt er sitzend von der Bank vorne über und prellt sich die Stirn am Gebälk des massiven Holztischs, bevor er mühevoll nach Hause torkelt.

Was ihm bleibt, ist eine böse eiternde Stirnwunde, ein großer broccolifarbener Fleck unterm Knie und eine verschwimmende Erinnerung an Gesang, den er so noch nicht kannte. Was für ein gelungener Abend.

Text: Löffel